Grundsätze der Schicht- und Dienstplangestaltung – Regelungen für die Begrenzung von Nachtarbeit

Nachtarbeit ist manchmal notwendig. Nachtarbeit ist gesundheitlich äußerst bedenklich. Rechtlich ist dies eingeschränkt zulässig. Den Rahmen bilden Gesetze, Verordnungen und Tarifverträge. Sie sollen ein Mindestmaß an Gesundheitsschutz garantieren. 

 

Auf der betrieblichen Ebene sind weitergehende Regelungen möglich. Meist werden sie als Betriebs- bzw. Dienstvereinbarungen zum Thema „Grundsätze der Schicht- und Dienstplangestaltung“ bezeichnet. Die zuständige Arbeitnehmervertretung und die Arbeitgeberseite verhandeln über möglichst konkrete Auslegungen der rechtlichen Vorschriften. 

 

In lockerer Folge stellen wir Ihnen einige Auszüge aus dem am 31. Juli 2017 erscheinenden Fachbuch „Grundsätze der Schicht- und Dienstplangestaltung - Praxisorientierte Kommentierung von Regelungen in Betriebs- und Dienstvereinbarungen“ vor. Heute geht es um Regelungen für die Begrenzung von Nachtarbeit

 

Weitere Hinweise zu dem Buch finden Sie am Ende des Beitrags.

Begrenzung von Nachtarbeit

Selten findet man derart vorbildliche Begrenzungen von Nachtarbeit wie in der folgenden Regelung.

1. Beschäftigte mit einem Beschäftigungsumfang von mehr als 25 v. H. der regelmäßigen Arbeitszeit dürfen nicht ausschließlich im Nachtdienst eingesetzt werden. Im Einzelfall kann für Teilzeitbeschäftigte mit einem Beschäftigungsumfang von bis zu 50 v. H. ein ausschließlicher Einsatz im Nachtdienst für die Dauer von höchstens 5 Jahren zugelassen werden. Eine Verlängerung ist nicht möglich. Die Zulassung setzt einen Einzelantrag voraus und muss durch die Pflegedirektion und den Personalrat genehmigt werden.

2. Bei einem Beschäftigungsumfang von mehr als 50 v. H. bis 100 v. H. darf der Zeitanteil im Nachtdienst 50 v. H. der regelmäßigen Arbeitszeit nicht überschreiten.

 

Vom Grundsatz her ist mit dieser Regelung die insbesondere im Gesundheitswesen oft anzutreffende „Dauernachtwache“ nicht erlaubt. Die vorstehende Regelung unter 1. sieht als Ausnahme vor, dass Beschäftigte mit „kleinen“ Teilzeitverträgen davon ausgenommen sind. Dies wird vermutlich damit begründet, dass spezielle Teilzeitkräfte als Reserve für Ausfälle im Nachtdienst bereitgehalten werden. Durch die aufgrund der kurzen Wochenarbeitszeiten geringe Zahl von Einsätzen ist dies gesundheitlich unbedenklich. Allerdings fehlt eine Regelung, die – insbesondere bei flexiblen Arbeitszeiten – dafür sorgt, dass auch für diese Beschäftigten keine längeren Nachtschichtfolgen entstehen. 

Länge von Nachtdienstfolgen begrenzen

Über die Anzahl Nachtschichten, die in Folge ohne Unterbrechung gearbeitet werden dürfen, bestehen regelmäßig zwischen den Betriebsparteien große Differenzen. Die vorliegenden Regelungen zeigen dies durch unterschiedlichste Kompromissformeln, die jedoch den Gesundheitsschutz weitgehend missachten.

 

Im Nachtdienst sind möglichst kurze Schichtenfolgen anzustreben. Die Schichtfolge im Nachtdienst ist beschränkt auf maximal 7 Nächte. 

 

In dieser Vereinbarung sind sich die Verhandlungspartner zwar einig, dass kurze Schichtfolgen im Nachtdienst gesünder sind. Über ein „sind anzustreben“ kommen sie jedoch nicht hinaus und erlauben im Extremfall sieben Nachtdienste in Folge. Diese Regelung berücksichtigt die von Beschäftigten im Dauernachtdienst gern gesehene vollständige Schichtwoche, die zumeist einmal oder (bei Vollzeitkräften) zweimal im Monat geplant wird und ihnen vollständige zusammenhängende freie Wochen ermöglicht. Bisher sind keine wissenschaftlichen Erkenntnisse veröffentlicht, die dieser Form von Nachtschichtarbeit eine Unbedenklichkeit bescheinigen würden.

Grundsätzlich sind 2-5 Nächte in Folge, im Einvernehmen mit dem Beschäftigten bis zu max. 7 Nächte (maximale Schichtlänge 8 Stunden) in Folge, möglich.

 

Im Gegensatz zu den „möglichst kurzen Schichtfolgen“ in dem vorherigen Zitat konnten sich die betrieblichen Partner in dieser Vereinbarung auf konkrete Zahlen einigen. Dies hat zumindest den Vorteil, dass einzelne Nachtdienste nicht erlaubt sind, die von der Arbeitswissenschaft für bedenklich gehalten werden. Zusätzlich ist – wenn auch nur in Klammern – die Schichtlänge auf acht Stunden begrenzt worden. Im Zweifelsfall wird man allerdings aufgrund dieser Formulierung nachträglich klären müssen, ob die Begrenzung auf achtstündige Schichten ausschließlich bei sieben Nachtdiensten in Folge gelten.

 

Maximale Anzahl der Nachtdienste in Folge:

- bis 9,25 Std. Nachtdienstlänge: 6 Nachtdienste in Folge

- ab 9,26 Std. Nachtdienstlänge: 4 Nachtdienste in Folge

 

Wie im vorherigen Zitat wird auch in dieser Regelung ein Zusammenhang zwischen der Länge der Nachtschichtfolge und der Dauer der Nachtschichten hergestellt. Die Grenzen sind allerdings zu hoch angesetzt, die Belastung für die Beschäftigten wird nicht genügend eingeschränkt.

 

Eine Dienstplaneinteilung im Nachtdienst bis zu 7 Nächten ist einvernehmlich möglich, sollte aber die Ausnahme bleiben. Die Beschäftigten können nicht verpflichtet werden, mehr als 3 Nächte hintereinander eingeteilt zu werden. Wird der Einsatz mit einer Nachtschicht oder zwei hintereinander folgenden Nächten gewünscht, ist dem in der Regel Rechnung zu tragen, sofern hierdurch Arbeitsabläufe nicht beeinträchtigt oder andere Beschäftigte nicht benachteiligt werden. Bei Nichteinigung ist eine Erörterung unter Hinzuziehung des Betriebsrates durchzuführen.

Dauernachtschicht

Die Einrichtung von Dauernachtschicht bedeutet, dass eine bestimmte Gruppe von Beschäftigten aus dem normalen Schichtdienst herausgenommen und nur in den Nachtschichten eingesetzt wird. Diese Menschen leben und arbeiten damit oft völlig unabhängig von dem Rest der Belegschaft – und teilweise auch losgelöst von der normalen Bevölkerung. Anschaulich beschreibt und analysiert dies Till Roenneberg in seinem empfehlenswerten Buch „Wie wir ticken“ (Leseprobe: http://www.schnupperbuch.de/9783832195205/leseprobe).

 

Dauernachtschicht stellt immer ein besonderes Problem dar. Nachfolgend eine spezielle Regelung dazu:

 

Für Haupt- und Dauernachtwachen ist abweichend […] auf Antrag des Beschäftigten eine Schichteinteilung bis zu 9 Nächten möglich, sofern im Einzelfall keine arbeitsmedizinischen Bedenken erhoben werden. 

 

Für sogenannte Dauernachtschichtarbeiter, d. h., Beschäftigte, die ausschließlich nachts arbeiten, werden die Grenzen teilweise noch weitergehend aufgeweicht.

 

Einige Argumente pro und contra Dauernachtschicht

- Nachtarbeit ist ungesund – ausschließlich in der Nacht zu arbeiten, ist es erst recht.

 

- Wenn sich relativ wenige Menschen für die ungesündeste Arbeitszeit entscheiden, entlasten sie die Mehrheit der Menschen, die deswegen keine Nachtarbeit leisten müssen.

 

- Die Chronobiologen wie z. B. Till Roenneberg wissen, dass ein Teil der Bevölkerung besser abends und nachts arbeiten sollte, da ihre „innere Uhr“ die Abläufe in ihrem Körper zeitlich dahingehend steuert.

 

- Die Steuerung der „inneren Uhr“ verändert sich im Verlauf des Lebens. Deswegen kann es sein, dass die ausschließliche Nachtarbeit über einen begrenzten Zeitraum von einigen Jahren für diesen Teil der Bevölkerung besser als die Tag- oder Frühschichtarbeit ist.

 

Weitere Argumente könnten angeführt werden, jedoch ist keine eindeutige Antwort auf die Frage zu finden, ob Dauernachtschicht empfehlenswert ist oder nicht. In jedem Einzelfall muss mit intensiver und informierter Beteiligung der Betroffenen eine individuelle Lösung gefunden werden. Diese darf keinesfalls auf ewig festgeschrieben werden, sondern sollte jährlich überprüft und gegebenenfalls an die neuen Bedingungen angepasst werden.

Freie Tage bzw. Stunden während und nach Nachtdienstfolgen

Nach Ableistung einer Nachtarbeitsphase von wenigsten drei Nachtdiensten sind mindestens 46 zusammenhängende Stunden frei zu gewähren.

 

 

In der Regel endet ein Nachtdienst ungefähr um 6:00 Uhr morgens. Bei 46 arbeitsfreien Stunden kann demnach mit dem Frühdienst am übernächsten Tag wieder begonnen werden. Das entspricht einer Schichtfolge „Nacht – Frei – Früh“. Eine Mehrheit der Beschäftigten lehnt diese Freizeitphase als nicht ausreichend ab und auch Arbeitswissenschaftler weisen darauf hin, dass die Erholungszeit nach einer Nachtschichtfolge mindestens acht Stunden länger sein muss. Zur Begründung wird meist angeführt, dass der Tag, an dem die Nachtschicht endet, zum Ausschlafen benötigt wird und der Folgetag nicht vollständig frei sei, da aufgrund der Frühschicht am darauf folgenden Tag ein frühes Zubettgehen notwendig sei.

 

 

Nach zwei bis drei Nachtdiensten in Folge ist mindestens ein freier Tag, bei vier oder mehr Nachtdiensten in Folge sind mindestens zwei freie Tage einzuplanen.

 

 

 

In dieser Regelung werden freie Tage anstatt freie Stunden nach einer Nachtschichtfolge vereinbart. Dies führte zu Missverständnissen, sodass diese Regelung in einer Fußnote konkretisiert wird:

 

 

 

Volle Tage im Sinne dieser Bestimmungen sind 24 Stunden. Daraus folgt auf Grund der Übergabezeiten, im Anschluss an zwei oder drei Nachtdiensten in Folge kann der Beschäftigte erst wieder für den übernächsten Spätdienst eingeplant werden. Beispiel: Ende des Nachtdienstes am 15. eines Monats um 06:00 Uhr, frühestmöglicher Einsatz: 16. des Monats zum Spätdienst ab 14:00 Uhr. Bei vier oder mehr Nachtdiensten in Folge darf der Beschäftigte frühestens für den Spätdienst am übernächsten Tag eingeplant werden. Beispiel: Ende des Nachtdienstes am 15. eines Monats um 06:00 Uhr, frühestmöglicher Einsatz: 17. des Monats zum Spätdienst ab 14:00 Uhr.

 

 

 

Durch die Klarstellung in der Fußnote wird erreicht, dass die Ruhezeit nach der Nachtschichtfolge eine ausreichende Länge bekommt – zumindest dann, wenn vier oder mehr Nachtdienste in Folge geleistet wurden. In der Vereinbarung wird angenommen, dass 24 Stunden Erholungszeit nach zwei oder drei Nachtdiensten ausreichend sind. Dies kann jedoch nicht als gesundheitsgerecht angesehen werden. Möglicherweise ist diese Regelung ein „kreativer“ Kompromiss, der zudem berücksichtigt, dass durch zu viel Freizeit nach Nachtschichtfolgen bei Vollzeitkräften die vertragliche Arbeitszeit nicht vollständig verplant werden kann.

 

 

 

 

 

 

Nach einem Nachtschichtblock ist eine Ruhezeit von 56 h bis zum nächsten Schichtbeginn einzuhalten. Nach einem Nachtschichtblock erfolgt ein Schichtwechsel in die Spätschicht, um so eine längere Erholungsphase zu generieren.

 

 

 

Unabhängig von der Anzahl der geleisteten Nachtschichten wird hier eine arbeitsfreie Zeit von 56 Stunden verlangt. Diese Regelung lässt keine Ausnahme zu. Der zweite Satz verdeutlicht, welche Konsequenz die Regelung im ersten Satz für die Schichtplanung hat: Nach einer Nachtschichtfolge muss eine Spätschichtfolge geplant werden; der – angeblich gesündere – Schichtwechsel mit Vorwärtsrotation (Früh – Spät – Nacht) ist nicht zulässig. Der eine vollständig freie Tag wird für die Beschäftigten besser nutzbar als bei den Regelungen, die eine Ruhezeit von nur 48 Stunden verlangen und die Frühschicht am Folgetag zulassen. Wer um 6:00 Uhr zur Frühschicht arbeitsfähig erscheinen soll, muss sich regelmäßig am Vorabend frühzeitig schlafen legen, kann also den Abend nur begrenzt mit Freizeitaktivitäten nutzen.

 

 

 

Das Buch ...

... erscheint am 31. Juli 2017

 

Grundsätze der Schicht- und Dienstplan-Gestaltung

Praxisorientierte Kommentierung von Regelungen in Betriebs- und Dienstvereinbarungen

Karl-Hermann Böker

 

Delgany Publishing, Hamm 2017

edition Arbeitszeitwissen-heute

Broschiert, 220 Seiten, 39,90 Euro

ISBN 978-3-945394-22-9

 

Das Buch kann ab 1. August 2017 über den Verlags-Bestellservice bezogen werden:

http://delgany-publishing.com/bestell.html 

 

 

Vorbestellungen per E-Mail nimmt der Autor ab sofort unter boeker@tempi.de gern entgegen! Eine Zusendung vor dem offiziellen Erscheinungsdatum ist möglich.

TEMPI Gesellschaft für ganzheitliche Arbeitszeitberatung mbH

Karl-Hermann Böker

Hartlager Weg 61a

33604 Bielefeld


Fon: 05 21 - 45 36 18 1

Mobil: 01 78 - 17 30 75 7

Fax: 05 21 - 45 32 04 1

E-Mail: buero@tempi.de