Eine verzerrte Darstellung der Arbeitszeitforschung schadet Schichtarbeitenden

Der renommierte Arbeitszeitforscher und -berater Dr. Johannes Gärtner, u. a. Obmann der Arbeitszeitgesellschaft, Professor an der TU Wien und Geschäftsführer der XIMES GmbH äußert sich zu dem aktuell erschienenen Buch:

 

Kutscher, Jan; Leydecker, Julia Marie:

Schichtarbeit und Gesundheit

Aktueller Forschungsstand und praktische Schichtplangestaltung

Springer-Gabler, 2018

 

Angekündigt wird das Buch mit folgendem Text: 


"„Schichtarbeit macht krank“, so die landläufige Meinung. Doch der Einfluss der Arbeitszeitgestaltung auf die körperliche und seelische Gesundheit wird weit überschätzt. Die wissenschaftliche Erkenntnislage dazu ist nach wie vor dünn und widersprüchlich, so dass es verwundert und geradezu erschreckt, wie auf breiter Front vor dramatisierten Gefahren der Nacht- und Schichtarbeit gewarnt wird und welche Flut angeblich fundierter Empfehlungen zur Schichtplangestaltung kursiert."

 

Lesen Sie im Folgenden die kritische Rezension von Dr. Gärtner!

 

Dr. Gärtner (siehe Abb.):

Das Buch „Schichtarbeit und Gesundheit - Aktueller Forschungsstand und praktische Schichtplangestaltung“ von Jan Kutscher und Julia Marie Leydecker behandelt das Themenfeld in großer Breite. Das Buch versucht, den Forschungsstand zur Schichtarbeit zu beschreiben und geht mit der Forschung hart ins Gericht. Beides misslingt.

Erstens

Arbeiten werden sehr verzerrt dargestellt. Z. B. wird zum Themenfeld „Dauernachtarbeit“ die Arbeit von Arlinghaus et. al. (2016), an der ich persönlich beteiligt war, so wiedergegeben: Seite 93: „… Wer auf klare Gestaltungsempfehlungen – bzw. ein klares Ja oder Nein zur

Dauernachtschicht – hofft, wird enttäuscht.“, Seite 95: „… In ihren Empfehlungen sprachen sie sich nicht für oder gegen die Dauernachtschicht aus.“ Auf Seite 6 des Originals findet sich die Empfehlung: „Bei höherem Nachtanteil sollte die Arbeitszeit sinken (z. B. sollten Zuschläge in Zeit statt in Geld vergolten werden) …“ (siehe https://www.sozialpolitik.ch/fileadmin/user_upload/2_2016_Arlinghaus_final.pdf ) - Ganz anders als

im Buch dargestellt, ist das eine klare Gestaltungsempfehlung: Keine Dauernachtarbeit in Vollzeit.

 

 

Zweitens

Das Buch ist unseriös: Literatur wird einseitig und unvollständig aufgearbeitet. Z. B. wird der sehr bekannte "Risk Index zur Unfallwahrscheinlichkeit" nicht behandelt (Folkard & Lombardi 2006, gerade aktualisiert von Fischer et. al. 2017), und Gefahren

werden heruntergespielt: Dass Rauchen viel schlimmer als Nachtarbeit ist, macht Schichtarbeit nicht ungefährlich.

 

 

Drittens

Das Buch kritisiert ein Bild der Wissenschaft als ginge es um eine homogene, abgeschlossene Gruppe (z. B. Seite 6 „Kulissen der Arbeitswissenschaft …“). Das ist nicht die Realität der Arbeitszeitsymposien oder der Working Time Society (WTS). Letztere sind die größten und wichtigsten Konferenzen zum Thema Arbeitszeit und Schichtarbeit. Dort wird unaufgeregt diskutiert und zu vielen – aber eben nicht allen – Punkten gibt es unterschiedliche Meinungen. Peer-reviews und kritische Diskussion zwingen, Gegenargumente zur eigenen Meinung zu bedenken. Auch einige Praktiker/innen betreiben Forschung und stellen sich der Diskussion. Ebenso gibt es Forscher/innen, die zusätzlich praxisorientiert beraten. Es ist ein Übergangsfeld. Im Gegensatz zu derartigem wissenschaftlichen Arbeiten werden im Buch starke Behauptungen ohne Beleg aufgestellt: Z. B. wird auf Seite 2 behauptet „die“ Arbeitswissenschaftler suchten nach dem „One best Way …“. Was hat z. B. Unfall- oder Krebsforschung mit „One best Way“ zu tun?

 

 

Viertens

Es geht im Buch schlussendlich um die Frage der Praxis: Wissenschaftliche Empfehlungen umzusetzen, ohne die konkrete Situation zu bedenken, ohne Dialog und Prüfung, wäre – wie das Buch zu Recht kritisiert – schlecht. Das macht und vertritt aber meines Wissens kein/e anerkannte/r Arbeitszeitberater/in oder Forscher/in. Falls es vorkommt, gehört es kritisiert. Aus diesem zwar eher fiktiven aber sicherlich abzulehnenden Extrem wechselt das Buch in ein anderes, ebenfalls abzulehnendes Extrem: Die Gestaltungsempfehlungen einfach zur Seite zu

schieben (Seite 114: „Deswegen erscheint es unsinnig, konkreten arbeitswissenschaftlichen Empfehlungen ... zu folgen, ohne dabei zunächst auf sich selbst hören.“). Viele der Risiken z. B. Unfallgefahren, sind individuell kaum beobachtbar, trotzdem wirken sie und sie zu ignorieren

schädigt Schichtarbeitende.

 

PD Dr. Johannes Gärtner

Obmann der Arbeitszeitgesellschaft, TU Wien, XIMES GmbH – 13.3.2018

 

 

PS: Auch wenn die Schärfe der Rezension verwundern mag, ging dieser kein Konflikt voran.

TEMPI Gesellschaft für ganzheitliche Arbeitszeitberatung mbH

Karl-Hermann Böker

Hartlager Weg 61a

33604 Bielefeld


Fon: 05 21 - 45 36 18 1

Mobil: 01 78 - 17 30 75 7

Fax: 05 21 - 45 32 04 1

E-Mail: buero@tempi.de