Schichtarbeit gesund und sozialverträglich gestalten

Ein Thema, bei dem man zu der Ansicht gelangen könnte, dass es nicht mehr viel Neues zu sagen, schreiben oder forschen gibt. Oder? Die Redaktion der "ZeitSchrift" hat sich die nur 24 Seiten dieser kostenfreien Veröffentlichung der Hans-Böckler-Stiftung aufmerksam durchgelesen. 

 

Hans-Böckler-Stiftung

 

Schichtarbeit gesund und sozialverträglich gestalten

 

Anna Arlinghaus, Yvonne Lott

 

Report Nr. 3 Forschungsförderung, März 2018

24 Seiten, PDF-Dokument

ISSN 2511-6177

Kostenlos per Download: www.boeckler.de

Einleitung

In der Einleitung erzählen uns die Autorinnen tatsächlich nichts Neues: 

"Schichtarbeit kann die Gesundheit und das Sozialleben stark beeinträchtigen. Nicht nur die Nachtarbeit ist belastend, sondern je nach Lebenslage auch die Früh-­ und Spätschicht sowie der ständige Wechsel der Arbeitszeiten. Gravierende gesundheitliche Probleme und eine schlechte Work­Life­Balance mindern die Lebensqualität von Beschäftigten und führen zu (längeren) Erwerbsunterbrechungen bzw. kürzeren Erwerbsverläufen."

In ihrer Kürze und Prägnanz richtet sich die Broschüre möglicherweise vor allem an die Menschen, die neu mit Schichtarbeit konfrontiert werden. Es kann daher nicht oft genug wiederholt werden, dass Schichtarbeit ungesund ist, krank macht und zu unnötig frühem Tod führen kann. So jedenfalls ist drastischer ausgedrückt, was die Autorinnen auf "diplomatische" Weise schreiben. Auf Zigarettenpackungen steht ja inzwischen auch eindeutig "Rauchen tötet" - warum nicht in Veröffentlichungen zur Schichtarbeit? 

Die Autorinnen relativieren ihre Aussage in der Einleitung:

"Schichtarbeit führt jedoch nicht zwangsläufig und bei allen Beschäftigten zu schweren gesundheitlichen Problemen und sozialer Isolation, denn die konkrete Ausgestaltung der Arbeitszeitmodelle hat sehr unterschiedliche Auswirkungen." Anders als beim Rauchen gibt es also Möglichkeiten, dabei zu bleiben und trotzdem nicht unter Schichtarbeit zu leiden?

In der Einleitung heißt es weiter:

"Unter welchen Bedingungen beeinträchtigt Schichtarbeit die Ge­sundheit und das Sozialleben? Wie können Schichtsysteme gesund und sozialverträglich gestaltet werden? Antworten auf diese Fragen liefert der vorliegende Report. Dabei sind nicht nur ergonomische Aspekte relevant, sondern auch die Fragen nach Zeitsouveränität und der Art der Kompensation von Schichtarbeit und ungünstigen Arbeitszeiten."

Ein Blick in den Report lohnt sich also doch!

Inhaltsverzeichnis

Der Report ist in mehrere Kapitel aufgeteilt:

  1. Schichtarbeit im Konflikt mit biologischen und sozialen Rhythmen
    1. Biologische Probleme der Nachtarbeit
    2. Der soziale Rhythmus der Abend­ und Wochenendgesellschaft
  2. Schichtarbeit bei älteren Beschäftigten
  3. Schichtarbeit im Erwerbsverlauf
  4. Dauernachtarbeit – ungesund, aber beliebt?
  5. Schichtarbeit gesund und sozialverträglich gestalten
    1. Arbeitsorganisatorische Maßnahmen
    2. Abfolge der Schichten
    3. Zeitsouveränität
    4. Arbeitswissenschaftliche Empfehlungen zur Gestaltung von Schicht­- und Nachtarbeit
  6. Nichtmonetäre Kompensation belastender Arbeitszeiten
    1. Welche Kompensation für belastende Arbeitszeit ist angemessen?
  7. Was ist bei der Einführung neuer Schichtmodelle zu beachten?
  8. Fazit

Die ersten vier Kapitel dürften eine Darstellung des Bekannten sein. Doch was bieten die weiteren Kapitel`? Welches Fazit ziehen die Autorinnen? Es bleibt spannend!

 

Kapitel 1 bis 4

Gut lesbar, aufgelockert dargestellt, werden tatsächlich die allseits bekannten Fakten aus der Schichtarbeitsforschung präsentiert. Die Broschüre berichtet von Forschungen eines WSI-Projekts zu "Arbeitszeitoptionen im Lebenslauf". Ein Resultat des Forschungsprojekts scheint die Erkenntnis zu sein, dass noch längst nicht alle Zusammenhänge zwischen Schichtarbeit und Krankheiten wissenschaftlich untersucht worden oder gar bewiesen worden sind. "Nichts Genaues weiß man nicht", würde der Volksmund dazu sagen. Viel empirische Forschung scheint noch notwendig zu sein. Dies betrifft sowohl die biologischen als auch die sozialen Rhythmen des Menschen. Schichtarbeit kann sogar positive Auswirkungen haben, räumen die Autorinnen ein, doch die negativen Folgen überwiegen. Es wäre ja auch eine sensationelle Erkenntnis gewesen, wenn Schichtarbeit doch nicht gesundheitsschädlich wäre! 

Typische Kontroversen um Schichtarbeit werden aufgegriffen: Dauernachtschichten, Gewöhnung an Schichtarbeit etc. Doch leider können die Autorinnen nie auf gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse verweisen, sondern lediglich ihre Meinung ausdrücken, dass es jeweils auf die Gestaltung und Ausprägung im Detail ankommt. 

Kapitel 5 bis 7

Wie man Schichtarbeit so gesund und sozialverträglich wie möglich gestalten kann, beschreiben nun die Autorinnen:

Durch arbeitsorganisatorische Maßnahmen könnten belastende Tätigkeiten aus der Nachtschicht herausgenommen werden, der nächtliche Personalbedarf könnte verringert werden. Dies muss in jedem Einzelfall sorgfältig analysiert und getestet werden. Auch durch die Schichtrotation und die Schichtabfolgen können Belastungen reduziert werden, doch auch hier räumen die Autorinnen ein, dass es keine für alle Beschäftigten optimale Standardlösung gibt. Beispiele für Generationengerechtigkeit werden angeführt, doch wird vermutlich jeder/m Leser/in sofort klar, dass stark wechselnde Arbeitszeiten die Folge sein werden, da die Zusammensetzung der Belegschaft nicht konstant bleibt und natürlich das zunehmende Alter immer wieder neue Anforderungen stellt. Unruhige Schichtpläne wären die Folge – was wiederum als unergonomisch bezeichnet werden muss. Ebenfalls können durch Schichttausche und andere Maßnahmen der Anpassung der Arbeitszeit an die Bedürfnisse der Beschäftigten ungünstige Schichtfolgen entstehen. Also ist doch alles ein Teufelskreis?

Wie schön wäre es, wenn zumindest die Belastung durch Schicht- und Nachtarbeit dadurch reduziert werden würde, dass Ausgleich durch Freizeit ermöglicht wird! Doch „die rasche Gewöhnung an ein höheres Einkommen aufgrund von Nachtzulagen“ (Seite 16) steht dem oft entgegen. Und oft lassen die rechtlichen Rahmenbedingungen keinen Freizeitausgleich zu oder fördern sogar die finanziellen Zuschläge durch Steuerentlastung! Dies kritisieren die Autorinnen erstaunlich heftig: „… in hohem Maße problematisch …“. Mit konkreten Berechnungen zeigen sie auf, welche positiven Auswirkungen die Faktorisierung von Zuschlägen haben könnte. 

So langsam kommt die Darstellung „in Fahrt“, geht über das allgemeine Grundlagenwissen hinaus und bringt neue Aspekte ein: Um zu bestimmen, in welchem Umfang eine angemessene Kompensation (Freizeit) für belastende Arbeitszeiten vorhanden sein muss, wird auf eine neu entwickelte Software „Time Compensation Calculator“ hingewiesen, die allerdings noch im Entwicklungsstadium ist. Doch der Ansatz könnte hilfreich sein, wenn in Zukunft über Belastungsausgleiche für Nacht- und Schichtarbeit betrieblich, gewerkschaftlich oder politisch verhandelt werden sollte.

 

Außerdem verweisen die die Autorinnen auf neue Leitlinien der DGAUM zur Gestaltung von Nacht- und Schichtarbeit, die im März 2018 hätten erscheinen sollen - und von denen man erwartet, dass sie tatsächlich neue Inhalte und Ziele enthalten. Doch das Erscheinungsdatum ist wie schon im letzten Jahr nun ein weiteres Mal, jetzt auf 31.12.2018 verschoben worden.

Fazit

Das Fazit der Autorinnen ist so kurz und prägnant wie der gesamte Text der Broschüre: Mit meinen Worten zusammengefasst: "Es gibt nichts Neues". Für Einsteiger in das Thema ist die Broschüre völlig in Ordnung: Wer liest heutzutage schon noch die oft langatmigen Ausführungen in Büchern und anderen Veröffentlichungen? Diese 24 Seiten, von denen höchstens 20 Seiten echten Inhalt aufweisen und dieser auch interessant gestaltet ist, sind für den modernen Menschen schon das Maximum dessen, was sie/er sich zu Gemüte führt. Und die Darstellung ist zum "Wachrütteln" und "Aufmerksam-machen" geeignet, also insgesamt gut gelungen. Die abschließenden Hinweise auf mögliche Softwareunterstützung bei der Arbeitszeit- und Belastungsanalyse sowie der Schichtplangestaltung könnten auch von dem einen oder anderen "modernen" Menschen aufgegriffen werden; aber leider handelt es sich wohl nicht um eine App, die man auf sein Smartphone laden kann, denn das wäre ja ein echter Renner und etwas ganz Neues. Es gibt also auch in diesem Sinne noch viel zu tun!

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